Die DDR und die (noch) verpasste bessere Gesellschaftsordnung!

Die Erklärung für den Untergang der DDR
ist nicht rein ökonomischer Natur.

Die DDR hatte im Vergleich zur Bundesrepublik einen gravierenden Nachteil zu Beginn:
Als Reparationen an die Sowjetunion bis 1953 mussten u.a. ca. 80% der Eisenindustrie und etwa 35% der Papier- und Zementindustrie, 11.800 km Eisenbahnlinien abgegeben werden.

Auf der anderen Seite erhielt die Wirtschaft in den Westzonen einen starken Anschub durch den Marshallplan von 1948. Zur Zeit des Koreakriegs führte der Wiederaufbau der deutschen Rüstungsindustrie in amerikanischem Interesse und der damit verbundenen Schwerindustrien zu einem weiteren starken Anschub.

Es mag manche überraschen: Die Staatsverschuldung der DDR war nicht exorbitant hoch. Die Zahlenangaben sind etwas unterschiedlich, doch es herrscht Übereinstimmung, dass trotz der Zahlungsbilanzkrise von 1982 die Verschuldung mit 27% des Bruttosozialprodukts nicht höher als in vergleichbaren westlichen Staaten lag
Sogar die Wachstumsraten der Volkswirtschaft der DDR lagen im Schnitt mit 3,3% etwa in gleicher Höhe wie die der Bundesrepublik, in einzelnen Jahren sogar höher.

Doch es gelang nie, den Stand der westdeutschen Produktivität einzuholen oder gar zu „Überholen ohne Einzuholen“ (Ulbricht 1957).

Auf den Autobahnen, die nach Berlin führten, konnte jeder einen eindrucksvollen Vergleich der Leistungsfähigkeit der Automobilindustrien der beiden deutschen Staaten vornehmen..
Präsentierte Honecker stolz den 1-Megabit-Chip, war im Westen gerade der 4-Megabit-Chip herausgekommen. Dennoch die ständige Propaganda von der „Überlegenheit des Sozialismus“, die im Falle der DDR offensichtlich mit der Wirklichkeit kollidierte.

Es gab nach dem Krieg in Deutschland eine Bewegung für eine andere Gesellschaftsordnung, die sich in zahlreichen Dokumenten und Parteiprogrammen widerspiegelt – bis hin zu dem berühmten Ahlener Programm der CDU von 1947:“Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden (S.15)… Auch bei der eisenschaffende Grußindustrie ist der Weg der Vergesellschaftung zu beschreiten.(S.18)“.
Doch vorhandene demokratischen Bewegungen im Osten wurden überhaupt nicht aufgenommen, das neue System wurde dort, wo Stalins Bajonette standen, der Bevölkerung aufgezwungen.

Spätestens nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 gegen eine bürokratisch verordnete Plansollerhöhung ohne Diskussion wussten die Arbeiter, dass dieser Staat nicht ihnen gehörte.

Dementsprechend fielen die Volkskammerwahlen seit 1950 aus, in denen die Bevölkerung zur Zustimmung gezwungen wurde ( „Zettel falten“). Im Anschluss an die Wahlen wurde immer wieder stolz von den hohen Zustimmungsraten in allen Medien berichtet:
Wahlbeteiligung 98%, Zustimmung zur Nationalen Front 99%.
Und JEDER wusste, wie die zustande gekommen waren.. Wie kann man nur eine dermaßen idiotische Propaganda betreiben, die bei vielen genau das Gegenteil erreichte!?

Also wurde die Unterdrückung des gesamten Volkes weiter ausgebaut mittels der Stasi. Man wusste, dass in jeder noch so kleinen Gruppe (bis hin zum Ehepartner) ein Spitzel sitzen konnte, als Folge davon..
Aufgrund der relativen wirtschaftlichen Schwäche und der politischen Unterdrückung gingen die Menschen in den Westen, die DDR wurde weiter geschwächt.
Der Bau der Mauer war dann das offene Eingeständnis der Unfähigkeit des Systems.

Ulbricht versuchte mit dem NÖSPL (Neue Ökonomisches System des Sozialismus), die
Selbständigkeit der Betriebe etwas zu erhöhen, doch an dem System mit einem starren Preissystem und einem großen bürokratischen Wasserkopf änderte sich nichts grundlegendes. 1977 betrugen die Ausgaben für Staats- und Wirtschaftsverwaltung mit 3,6 Mrd. Mark mehr als 3% des Staatshaushaltes.
Immerhin stiegen die Wachstumsraten etwas an.

Honecker beseitigte diese zaghaften Reformen wieder, jetzt wurde mit Hilfe von Krediten aus dem Westen etwas mehr in den Konsum investiert, doch das Niveau in der „BRD“ nie erreicht.

Man ließ die Bausubstanz verfallen. Wer aus dem Westen zu Besuch kam, konnte sehen, wie die Städte grau in grau aussahen – mit wenigen Ausnahmen wie z.B. Wernigerode im Harz oder Teilen von Ost-Berlin. Da seit Jahrzehnten sehr viel nicht mehr renoviert worden war, hatte noch 1990 ein Großteil der alten Wohnungen weder warmes Wasser noch Toiletten innerhalb der Wohnung.

Gehören die Wohnungen nicht einer bürokratischen Organisation wie dem VEB Gebäudewirtschaft, sondern den Menschen, die darin wohnen in Form einer Genossenschaft, dann sorgen die Bewohner selbst dafür, dass ihre Häuser nicht verfallen! Vorausgesetzt, dass entsprechende Materialien verfügbar sind..
Immerhin gab es ein umfangreiches Wohnungsneubauprogramm, überwiegend mit Plattenbauten.

Auch die Straßen waren in marodem Zustand.
Mein Cousin aus Leipzig (SED-Mitglied) erzählte dazu in breitestem Sächsisch folgenden Witz:
“Auf der Straße stehen 3 Schilder: 30, 60, 90. Was bedeuten sie?
Ganz einfach: 30 Schlaglöcher auf 60 Meter, 90 tief.“

Die Betriebe produzierten teilweise mit uraltem Maschinenpark. 1989 waren 21% der Ausrüstungen der DDR-Industrie älter als 20 Jahre, in der Bundesrepublik waren es 6% (Kusch u.a.).

Die Umwelt nahm katastrophale Formen an. Die Luft in Leipzig und an anderen Orten war „zum Schneiden“, die Flüsse z.T. eine einzige, grauenvolle Kloake. Die DDR war auf Braunkohle angewiesen, obwohl die befreundete Sowjetunion fast über unbegrenzte natürliche Ressourcen verfügte.

Die reine Betrachtung der Daten von Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum(s.o) erhellt das Bild nicht.

Hinzu kamen permanente Mängelerscheinungen in verschiedenen Bereichen des Warenangebotes.
Auf der anderen Seite wurden „Ladenhüter“ produziert, wie qualitativ geringwertige Damenbekleidung, die niemand wollte, sowie z.B. zu große Mengen an Brot.
Diese Erscheinungen waren offensichtlich systemimmanent, sie traten in der Sowjetunion in gleicher Weise auf (starres Preissystem, starre 5-Jahrespläne).
Hätte man wenigstens versucht, wie in China in einzelnen Bezirken etwas anderes auszuprobieren. Aber daran war in der geistig erstarrten Führung, die keinerlei demokratischer Kontrolle unterlag, nicht zu denken.

( Interessanterweise haben wir heute die umgekehrte Situation: Während die USA mit ihrem weltweiten Handelsdefizit eine gigantische Verschuldung angehäuft haben und die Infrastruktur sich generell in einem katastrophalen Zustand befindet, wird in China bei beeindruckenden Wachstumsraten massiv in Hochgeschwindigkeitszüge und Erneuerbare Energien investiert. Übrigens erfolgen heute auch in Vietnam, auf Kuba und sogar in Nord-Korea marktwirtschaftliche Reformen. Dies muss nicht die Rückkehr zu privatem Eigentum an den Produktionsmitteln bedeuten, auch nicht zu Staatseigentum – ich plädiere für genossenschaftliches Eigentum. )

Die Gier nach Devisen war so groß, dass in der DDR wieder die Zwei-Klassen-Gesellschaft eingeführt wurde ( Sondereinkaufsläden mit West-Geld ). In Osteuropa saßen Ost- und Westdeutsche mitunter in demselben Hotel, nur der Service für den Westmenschen war um einiges besser..
An der Grenze wurde einzelnen Menschen barbarisch in den Rücken geschossen und die Anlagen wurden mit orwellschem Neusprech als „Antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnet.

Es gab in der DDR keine Möglichkeit zu einer wirklichen gesellschaftlichen Diskussion der Verhältnisse. Auch und gerade in der Wendezeit wurden Menschen, die einzelne Aspekte kritisierten, aber durchaus für eine sozialistische Gesellschaft waren, als Staatsfeinde behandelt (ähnlich wie in China heute).
Und Möglichkeiten für die Arbeiter und das Volk, einzelne Kader oder die gesamte Regierung wegen Unfähigkeit abzusetzen, gab es schon mal gar nicht.

Noch am 40. Jahrestag seines Systems meinte Honecker, ewig genau so weitermachen zu können.

Die schwierige wirtschaftliche Lage,
die Überlegenheit des Westens in vielen Aspekten
eine Propaganda, von der jeder wusste, dass sie der Wirklichkeit Hohn sprach
verbunden mit flächendeckender Unterdrückung durch die Stasi,
die Hoffnungslosigkeit unter dem Aspekt, dass sich in diesem System jemals etwas ändern würde,
führten dann zur Explosion.

Bei der letzten, einzigen freien Wahl zur Volkskammer der DDR von 1990 erhielt die CDU 40%, die SPD 21% und die PDS 16%. Ein extrem trauriges Ergebnis für 40 Jahre „Realer Sozialismus“!

Offensichtlich ist die extreme Machtkonzentration an der Spitze, für die es keinerlei demokratische Kontroll- und Korrekturmechanismen gab, der Hauptgrund für den Untergang der DDR.
Und dieser Untergang war kein singuläres Ereignis, alle vergleichbaren Systeme in Osteuropa bis hin zur Sowjetunion verschwanden, auch Albanien und Jugoslawien. Das System in Kambodscha wurde durch eine Militärintervention Vietnams eliminiert.
Es ist heute offensichtlich, dass das marktwirtschaftliche System Chinas im Vergleich zu einer starren 5-Jahres-Planung eine weit überlegene Entwicklung der Produktivkräfte erzeugt. Dies muss nicht zwangsläufig zu einer Rückkehr zu kapitalistischen Eigentumsformen führen.

Es reichte eben nicht, wenn elementare soziale Fragen auf niedrigem Niveau erfüllt wurden. Und es ist lächerlich, die Gründe für den Untergang ausschließlich in den Feinden des Systems zu suchen.

Von der DDR lernen, heißt, aus Fehlern zu lernen.
Wir brauchen ein komplett anderes Sozialismus-Modell!

Die Geschichte ist nicht beendet.
Die Konzentration des Reichtums, des Besitzes an Produktionsmitteln in immer weniger Händen, die Vergrößerung von Armut und Altersarmut stellen die Frage nach einer ANDEREN Gesellschaftsordnung neu. Die relative Stabilität des Kapitalismus wird aufgrund von Industrie 4.0, von zunehmenden Umweltkatastrophen (aktuell Wirbelstürme) und möglicherweise unfreiwillig durch einen Herrn in Washington nicht von Dauer sein.

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About the author: Guenter Ham